"Ich war einfach fasziniert"

Das diakonische Zentrum iThemba Labantu gibt den Menschen im Kapstädter Township Philippi Hoffnung auf ein besseres Leben. Diese Hoffnung strahlt aus, auch nach Deutschland, und sie mobilisiert Menschen hier, sich für die Menschen dort zu engagieren. Und dieses Engagement kann ganz schön ansteckend sein.

Von Sonja Richter

Dr. Michael Stettberger in iThemba LabantuEs fehlen noch 1000 Euro für die Restaurierung des Barockaltars der alten Dorfkirche. Kein Problem, die spielen wir ein, sagen sich Michael Stettberger, 1. Trompeter des Bläserchors, und seine vier Mitspieler in der Evangelischen Gemeinde Groß Glienicke. "Sie geben einfach für jeden falschen Ton 100 Euro", schlägt er gut gelaunt den Gottesdienstbesuchern vor, die an einem sonnigen Augustsonntag nach Abschluss der Liturgie noch mit einem kleinen Konzert verwöhnt werden. Das Repertoire reicht von "Jesu meine Freude" bis zu "Mein kleiner grüner Kaktus". Ob  nun für die falschen oder die richtigen Töne, die Gemeinde gibt bereitwillig und großzügig. Der Altar ist gerettet.

Mit für den Altar bläst auch Jonathan Schmidt, Sohn des Pfarrers. Beide Männer verbindet nicht nur das gemeinsame Musizieren. Jonathan, Anfang 20, Student, ist schuld daran, dass Michael, Mitte 40, Familienvater und Mitarbeiter einer IT-Consulting-Firma, sich nicht nur für den heimischen Kirchenaltar ins Zeug legt, sondern, genau wie Jonathan, auch für sozial Benachteiligte in einem südafrikanischen Township.

Philippi bei Kapstadt: 400.000 Menschen, überwiegend Schwarze. Die meisten leben in Wellblechhütten oder einfachsten Holzhäusern, oft ohne Fenster, immer ohne fließendes Wasser und Toilette, mit festgetretener Erde als Fußboden, manchmal mit Pappe oder alten Teppichresten belegt. 40 Prozent der Menschen hier sind HIV-positiv, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Alkohol prägen den Alltag. Hier arbeitet Otto Kohlstock, der "letzte Missionar" des Berliner Missionswerks. 2003 hatte er begonnen, sich um Aidskranke in Philippi zu kümmern. Zuerst kamen diese nur zum Sterben. In einem dafür errichteten Hospiz sollten sie das wenigstens in Würde tun können. Die gute Pflege und wirksamere Medikamente führten aber bald dazu, dass die Menschen wieder aufstanden und nach Hause gehen konnten. Für Viele ein kleines Wunder.

Was einst ein Ort zum Sterben war, ist heute ein Zentrum sprudelnden Lebens. Das Lutheran Community Centre iThemba Labantu, dessen Name übersetzt "Hoffnung für die Menschen" bedeutet, bietet fast für jeden etwas: In einer Vorschule finden Kinder einen geschützten Raum zum Spielen und Lernen, Schüler erhalten Hausaufgabenhilfe. Jugendliche reagieren sich bei Bodybuilding, Gymnastik oder Karate ab, wer musikalisch ist, macht in der Marimba-Band traditionelle Musik. Frauen haben ein Einkommen durch Näh- und Perlenarbeiten und 300 Hungrige bekommen täglich eine warme Mahlzeit von der Suppenküche. In den neu gebauten Werkstätten bilden Mitarbeiter von iThemba Labantu KfZ-Mechaniker und Solar-Installateure aus. Sonntags versammelt sich die Gemeinde zum Gottesdienst in der einst von deutschen Siedlern gebauten Kirche

Etwa ein Viertel der insgesamt 40 Mitarbeiter sind ehrenamtliche Helfer. Und als solcher kam auch Jonathan nach iThemba Labantu. Als Freiwilliger des Berliner Missionswerks koordinierte er dort ein Jahr lang die Fußballmannschaft, beaufsichtigte Perlenarbeiten und gab Englischunterricht. Mit viel Enthusiasmus widmete er sich seiner Arbeit und berichtete Freunden und Förderern in der Heimat von seinem Einsatz. Auch Chorfreund Michael las Jonathans Briefe – und der Funke sprang über. "Ich war einfach fasziniert", erinnert er sich.

Schon lange ist es üblich, dass Michaels Firma, die Dr. Westernacher & Partner Unternehmensberatung AG, gemeinnützige Projekte in aller Welt unterstützt. So wurden unter anderem der Bau einer Schule in Ghana, ein Waisenhaus in Nepal und eine Frauenklinik in Burkina Faso mit Firmenspenden gefördert. Warum nicht auch iThemba-Labantu, dachte sich Michael. Ein überschaubares Projekt, persönlicher Kontakt zu Menschen vor Ort und Berichte, die zeigen, dass man im Kleinen viel erreichen kann – das überzeugte auch die Kollegen. Und so bezuschusst die Firma nun schon im zweiten Jahr die Ausbildung von je fünf Kfz-Mechanikern und Solartechnikern in den Werkstätten des Zentrums mit jährlich 8.000 Euro. Dabei geht es dem Unternehmen nicht um sein Prestige. "Tue Gutes, und tu es um der Menschen willen“ lautet die Devise bei Westernacher.

Im Juli 2012 schließlich setzt sich Michael selbst ins Flugzeug nach Kapstadt. Mit ihm fliegen eine kleine Reisetrompete und Mathias, der 17-jährige Sohn seiner Lebensgefährtin Manuela. Beide wollen nicht nur Südafrika kennen lernen, sondern sich auch vor Ort nützlich machen. Und das kann man in iThemba-Labantu eigentlich immer. Mathias engagiert sich in der Hausaufgabenhilfe und betreut zwei Basketball-Teams. Und Michael? Der hat seinen "absoluten Traumjob": er darf Trompeten­unterricht geben. Gar nicht so einfach, wenn man nur drei funktionstüchtige Instrumente hat, aber 20 Schüler, die nie zuvor eine Trompete in der Hand hatten. Das tut dem Eifer von Lehrer und Schülern jedoch keinen Abbruch. "Wir haben jeden Tag drei Stunden Töne ausgehalten. Das ist für einen Feld-, Wald- und Wiesentrompeter ganz schön viel", witzelt er, und fügt nicht ohne Stolz hinzu: Nach zwei Wochen Arbeit haben wir einen "richtig sauberen C-Dur-Dreiklang hingekriegt.“

Michael gerät ins Schwärmen, wenn er von den Gottesdiensten in Südafrika erzählt: "Die Menschen kommen in die Kirche und singen einfach". Nicht brav nach Gesangbuch, sondern ganz spontan, und dreistimmig! Gern würde Michael diese Erfahrung an seine Heimat weiter geben: "Der schönste Chor in der größten Kathedrale kann nicht schöner klingen", glaubt er.

In weniger guter Erinnerung ist den beiden Deutschen die Begegnung mit einer Gruppe betrunkener junger Männer geblieben, die sie bei einem Spaziergang im Township bedrängten. Sehr nachdenklich erzählen sie auch von der armseligen Behausung einer von ihrem Mann verlassenen jungen Mutter.  Und es erschreckt sie, wie wenig manche Kinder können. Da ist z.B. das neunjährige Mädchen, das den Satz "He was watching television" zwar mühsam vorlesen kann, in eigenen Worten aber nicht erklären kann, was der Satz bedeutet. Um so wichtiger ist die Hausaufgabenhilfe in iThemba Labantu, denn hier wird wenigstens teilweise ausgeglichen, was Schulen mit Klassengrößen von 50 und mehr Kindern nicht zu leisten vermögen.

Um so ermutigender war es denn auch zu sehen, wie Menschen die Möglichkeiten nutzen, die iThemba Labantu ihnen bietet. Da ist zum Beispiel Tosh, ein junger Mann um die 20. Der ist nicht nur ein "begnadeter Marimba-Spieler", sondern nimmt auch Trompeten- und Computerunterricht, hilft bei der Hausaufgabenbetreuung und macht Freizeitgestaltung mit den Kindern. Und da sind die fünf frisch gebackenen Solartechniker, darunter zwei Frauen, die gerade ihre erste Stelle bekommen haben. Diese gute Nachricht nimmt Michael gern mit nach Hause und zu den Kollegen, ist sie doch "das beste Argument dafür, die Ausbildung auch im nächsten Jahr zu unterstützen".

Am meisten jedoch beeindrucken Michael und Mathias die Offenheit, Herzlichkeit und Lebensfreude der Menschen, die ihnen fast überall begegnen. Und ihr Einfallsreichtum. Sinnbild hierfür könnte Sithembele sein, Hausmeister in iThemba Labantu, HIV-positiv und Erzbischof der Lutheran Zion Church. Strahlend erzählt er Michael, während sie zusammen Müllsäcke rausbringen, dass er die Kirche selbst gegründet hat. Weil er den Gottesdienst "African Style" feiern will. Nicht so viel sitzen und zuhören. Mehr selber machen, singen, tanzen...

Wir sollten uns fragen, warum wir nicht viel mehr von den Menschen dort lernen, findet Michael. Doch er weiß auch, dass Manches vielleicht schöner aussieht, wenn man ein Rückflugticket in den Wohlstand in der Tasche hat. Mit Blick auf das Elend wird für ihn „buchstäblich begreiflich, was wir im Grunde doch alle wissen: dass wir Teil der Ursache der Armut der Menschen in den Townships sind."

Wieder zurück in Deutschland ist Michael und Mathias klar, dass Südafrika sie nicht mehr loslassen wird. Michael möchte gern mal mit der ganzen Familie hinfahren, Mathias plant ein freiwilliges Jahr, sobald er mit seiner Ausbildung fertig ist. Erst einmal will Michael aber seine jetzigen Erlebnisse und Eindrücke weitergeben: ein Artikel für die Firmenzeitschrift ist ebenso in Arbeit wie sein bebildertes Reisetagebuch als Weihnachtsgeschenk für die Verwandtschaft. Wäre doch gelacht, wenn sich da nicht noch jemand von seiner Begeisterung anstecken ließe.