Gedanken zur Jahreslosung 2017

Gedanken zur Jahreslosung 2017:
„Ich schenke euch ein neues Herz
und lege einen neuen Geist in euch.“
Ez 36,26
Diese rätselhaften Worte sind uns als Leitwort für das neue Jahr mit auf den Weg gegeben.
Sie entstammen dem Prophetenbuch des Ezechiel, der als Stimme Gottes um 600 v. Chr.
prophetisch in Israel auftrat. Dort hatte er bisher warnende Reden an seine Glaubens- und
Volksgeschwister gerichtet. Immer wieder hatte er auf bestehendes Unrecht hingewiesen
und dringlich zum Reformkurs aufgerufen. Man hatte ihn nicht gehört, diesen überspannten
Schwarzmaler. Doch dann hatte Ezechiels Volk erleben müssen, wie Jerusalem mitsamt dem
Tempelbezirk von den Feinden eingenommen und zerstört worden war. Die Mehrzahl der
Überlebenden und auch der König waren in die Verbannung nach Babylon verschleppt
worden. Dort lebten sie zerstreut in einem fremden Land, unter fremden Göttern - ihres
religiösen Zentrums, ihres Staates und ihres Gelobten Landes beraubt. Identitätslos!
Unfassbar, dass Gott diese Katastrophe zugelassen hatte, die für sein Volk beinahe den
Todesstoß bedeutet hätte. Warum hatte er nicht eingegriffen? Wie konnte er die Heiligen
Israels dem Mutwillen und Spott ihrer Feinde preisgeben?
Nach einer Zeit der Sprachlosigkeit über das Geschehene erinnerte man sich der
prophetischen Warnungen und erkannte die schmerzhafte Wahrheit: „Wir sind selbst
schuld!“ Wir haben zugelassen, dass Gottes Gebote mit Füßen getreten wurden, haben den
Unterdrückten nicht beigestanden, sondern hingenommen, dass das Recht allein auf Seiten
des Stärkeren war. Gottes Zorn trifft uns hart, aber zu Recht.
In dieser hoffnungslosen Situation wird der Bußprediger Ezechiel zum Seelsorger an den
Zerstreuten Israels. Das Sprachrohr Gottes verheißt, dass Gott sein Volk nicht verlassen und
auch nicht aufgegeben hat. Er wird neue Hoffnung pflanzen in die gedemütigten Seelen.
„Ich schenke euch ein neues Herz
und lege einen neuen Geist in euch.“
Dieses Hoffnungswort des Ezechiel soll uns nun ein Jahr begleiten, uns, die wir mehr als 2600
Jahre nach den Geschehnissen in Israel und Babylon unsere eigenen Fehler begehen.
Damals wie heute scheinen wir Menschen wesenhaft unverändert die gleichen zu sein. Denn
im Grunde wissen wir uns auch mitschuldig an der weltweiten Schere zwischen Arm und
Reich. Indem wir unseren Lebensstil aufrechterhalten, legitimieren wir die ungerechten
Marktstrukturen. Wir essen die viel zu preiswerten Lebensmittel, kaufen die zu billig
hergestellte Kleidung, brauchen immer die neueste Technik, verpulvern viel zu viel Energie…
Jedes Jahr mehr! Schuldzuweisungen an die böse Werbeindustrie helfen nicht weiter. Ohne
ein selbst auferlegtes Maß an Bescheidenheit und Solidarität mit den Ärmeren entkommen
wir der Konsumfalle nicht. Gern würden wir etwas ändern und doch finden immer wieder
die Stimmen Beachtung, die unsere sozialen Probleme verharmlosen, mit viel böser Fantasie
immer neue Minderheiten zu Sündenböcken erklären und den Hass schüren. Es erschreckt
mich, wie leicht sie sich Gehör verschaffen, viel leichter als alle Schwarzseher mit
prophetischem Blick. Bis dann die nächste Katastrophe die schmerzhafte Wahrheit ans Licht
bringt. Was sind wir für Wesen, dass wir immer wieder sehenden Auges in unser Unheil
rennen?


Die Texte der Bibel haben verschiedene Aspekte der menschlichen Natur theologisch hervorgehoben. Zunächst vermitteln die Schöpfungsmythen ein trotz Ungerechtigkeitserfahrungen weitgehend positives Menschenbild. Der Mensch, so wie er ist und lebt in seiner harten, unparadiesischen Welt, hat vom Baum der Erkenntnis gegessen. Wir besitzen einen Geist, der zu unterscheiden vermag zwischen dem, was gut und dem, was schlecht ist. Wir sind ethisch mündig und entscheiden frei, eben auch zum Schlechten hin. (1Mose 2,3) Andererseits sind wir aber als Gottes Stellvertreter auf Erden verantwortlich für die Bewahrung seiner von Grund auf guten Schöpfung. Dazu hat Gott selbst uns mit einer unveräußerlichen Würde ausgestattet. (1Mose 1)
Die Akzeptanz des Menschenwürdebegriffs ist wichtig im Kampf für mehr Gerechtigkeit in der Welt. Uns Westeuropäern ist der Gedanke an gleiche Rechte schon so selbstverständlich geworden, dass wir uns verhältnismäßig sicher wähnen konnten in unserer Wertegesellschaft. Letztere scheint nun jedoch angegriffen, wenn mehr und mehr Stimmen das Recht des Stärkeren wieder lautstark propagieren und damit Erfolg haben.
Offenbar liegt es auch in unserer menschlichen Natur, misstrauisch und ängstlich zuerst um das Eigene Sorge zu tragen, so dass wir uns allzu leicht mit der Ungerechtigkeit arrangieren, die andere erleiden müssen. Es kostet wohl zu viel Kraft, uns konsequent unserer eigenen Verantwortung für die menschliche Gemeinschaft und die leidende Natur zu stellen.
Wir Menschen sind, trotz unserer bemerkenswerten Erkenntnis – und Urteilsfähigkeit, aus uns selbst heraus nicht in der Lage, über unseren inneren Schatten zu springen und das Ruder rumzureißen. Dieses pessimistische Urteil hatten jedenfalls die Theologen gezogen, die das babylonische Exil erleben mussten! Ezechiel blieb darin jedoch nicht stecken. Er verkündet nun verheißungsvoll Gottes Eingreifen. Gott wird wieder und neu schöpferisch tätig werden und den Menschen innerlich umschaffen. Ausgestattet mit einem neuen Herzen und einem neuen Geist werden wir Menschen endlich wollen, was uns zum Segen gereicht. So utopisch das klingt, auch ich bin überzeugt, dass die Schöpfung, so wie sie ist, mitsamt dem Menschen, noch immer gut ist. Ich glaube daran und will daran glauben, dass die Erde alle ihre Bewohner satt machen kann; dass alle Menschen ausreichend Kleidung und Wohnung haben können und es keine Kriege geben muss, wenn nur niemand mehr darauf aus wäre, andere zu übervorteilen und aus ihrem Elend Profit zu erwirtschaften. Es braucht dazu wohl allerdings tatsächlich mitfühlende menschliche Herzen und einen menschlichen Geist, der die Stärke besitzt, auf Vertrauensvorschuss am Richtigen festzuhalten. Könnten wir doch der Verheißung des Ezechiel vertrauen! Wir würden an uns selbst glauben und daran, dass wir doch in der Lage sind, ehrfurchtsvolle Vertreter Gottes auf Erden zu sein und seine Schöpfung verantwortungsvoll zu verwalten.
Es braucht weltweit mehr von dem optimistischen Geist, der Hoffnung sät, wo Zerstörung, Vertreibung und Leid erfahren wurden.
Darüber, dass es allerorts wenigstens vereinzelt immer wieder Menschen gibt, die offensichtlich diesen guten Geist besitzen und verbreiten, bin ich dankbar. Es gibt mir Hoffnung auch für das beginnende neue Jahr mit allem, was es an Aufgaben für uns bereithält.

Ihre Pfarrerin Gundula Zachow