Besuch in der Lutherstadt Wittenberg – Geburtsstadt der Reformation


von Eva Dittmann-Hachen


Am Samstagmorgen, den 16. September, starteten wir bei strahlendem Sonnenschein, der uns den ganzen Tag über begleiten sollte, mit dem Reisebus unsere Gemeindefahrt in die Lutherstadt Wittenberg, die 2017 ganz im Zeichen des 500. Reformationsjubiläums steht.


Dort angekommen, beeindruckte uns während der kurzen Außenbesichtigung eine ehemalige DDR-Plattenbauschule, die 1995-99 nach Entwürfen des österreichischen Künstlers Friedensreich Hundertwasser umgebaut worden war. Das gesamte Dach ist begrünt und mit bunten Kuppeln, die zum Himmel streben, gekrönt. Farbige Einfassungen und verschiedene Formen der Fenster, aus denen zum Teil Bäume wachsen, schmücken die Fassaden. Bunte Keramiksäulen rahmen die Eingangstüren.
Nach einem Gang durch die weitestgehend restaurierte pittoreske Altstadt besichtig-ten wir die gotische Stadtkirche St. Marien (UNESCO-Welterbe), in der Martin Lu-ther predigte. Der 1547/48 von den Cranachs gemalte Reformationsaltar zeigt das Bildprogramm des neuen evangelischen Glaubens. Taufe, Abendmahl, Beichte und Predigt sind hier in großartiger Weise versinnbildlicht. Der Nürnberger Bildhauer Hermann Vischer der Ältere schuf 1457 das Messingtaufbecken, in dem auch Luthers Kinder getauft wurden.
Bei dem gemeinsamen Mittagsgebet um 12 Uhr waren die Kirchenbänke gut gefüllt.
Leider war die Schlosskirche (UNESCO-Welterbe) für Besucher kurzfristig ge-schlossen. So machten wir ein Gruppenfoto vor deren bronzener Thesentür von 1858. Das Mittagessen nahmen wir in der „Alten Canzley“ gegenüber der Schlosskirche ein.
Nachdem wir diverse Höfe, u. a. den Cranach-Hof, entlang der Schloss- und Colle-gienstraße besucht hatten, gingen wir schließlich in die Nationale Sonderausstel-lung „Luther! 95 Schätze – 95 Menschen“, die im Augusteum gezeigt wird und die Martin Luther in seiner historischen Existenz und bleibenden Bedeutung erkunden will. Die Ausstellung ist eine von drei Nationalen Sonderausstellungen, die auch in Berlin („Der Luthereffekt“) und auf der Wartburg in Eisenach („Luther und die Deut-schen“) bis zum 5. November besucht werden können.


In der anschließenden Freizeit besichtigten einige das neben dem Augusteum gelegenen Lutherhaus (UNESCO-Welterbe), das 1504 als Augustinereremitenkloster errichtet worden war. Martin Luther (1483 -1546) kam 1508 hierher, um Vorlesungen über Moralphilosophie zu halten und gleichzeitig sein Theologiestudium fortzusetzen. 1512 promovierte er zum Doktor der Theologie und erhielt im Anschluss die Professur für Bibelauslegung. Bei seinen Studien gewann er die Erkenntnis, dass der Mensch nur durch den Glauben an Gott und durch dessen Gnade von seinen Sünden erlöst werde und nicht durch den Kauf von Ablassbriefen. In seinen 95 Thesen, die er am 31. Oktober 1517 öffentlich machte, kritisierte er die gängige Ablasspraxis der Römisch-Katholischen Kirche und stieß damit einen Reformprozess an, der letztlich zur Gründung einer neuen, der Evangelischen Kirche, führte. Durch die Reformation wurde 1522 das Augustinerkloster aufgelöst. Marin Luther blieb dort als Professor der Universität. 1525 heiratete er die aus einem Kloster geflohene Nonne Katharina von Bora (1499 – 1552). Sie wohnten mit ihren sechs Kindern in dem Gebäude, das der sächsische Kurfürst August I. ihnen 1532 schenkte. Katharina mehrte als gebildete, tüchtige und äußerst sparsame Ehefrau das Vermögen der Familie. Luther nannte sie oft „Mein Herr Käthe.“
Andere besichtigten das Melanchthonhaus (UNESCO-Welterbe), in dem Philipp Melanchthon (1497 – 1560) mit seiner Familie ab 1539 wohnte, lebte und wirkte. Seit 1518 war er Professor der griechischen Sprache in Wittenberg. Im Lauf der Zusammenarbeit mit Martin Luther, dessen engster Mitarbeiter er war, kam es verstärkt zu Differenzen in Fragen der reformatorischen Theologie und der dauerhaften Sicherung der Ergebnisse der Reformation. Sein Bemühen um eine Verständigung mit den Katholiken blieb erfolglos. Aufgrund seiner immer auf Ausgleich bedachten Haltung nannte Martin Luther ihn „Bruder Leisetritt“.
Einige besuchten die nun geöffnete Schlosskirche. Der spätgotische Bau, dessen Inneres 1760 durch einen Brand fast vollständig zerstört worden war, wurde als ba-rocke Hofkirche wiederaufgebaut. Als Universitätskirche diente sie auch als Grabstätte der Professoren. Martin Luther und Philipp Melanchthon wurden hier beigesetzt.
Die Lutherstadt Wittenberg hatte sich 20 Jahre lang auf das Reformationsjubiläum vorbereitet. Die gesamte Altstadt einschließlich der Kirchen befindet sich nach den Restaurierungsmaßnahmen nun in einem hervorragenden baulichen Zustand und lässt uns Weltgeschichte atmen.
Wegen der Kürze der Zeit konnten wir uns nur auf wenige Höhepunkte beschränken. Bei einem weiteren Besuch der Stadt gäbe es noch vieles zu entdecken.
Gegen 19.30 Uhr kamen wir wieder in Groß Glienicke an, ganz erfüllt von vielen wunderbaren Eindrücken und Erkenntnissen, auch dank eines sehr fachkundigen Reiseleiters.