„Wer glaubt, flieht nicht“ – Bonhoeffer und Spirituals begeistern und berühren Besucher und Mitwirkende des Bonhoeffer-Gottesdienstes

von Moritz Gröning

Ich habe in diesen Kirchen das Evangelium predigen hören. Es ist […] deutlich, dass immer dort, wo wirklich vom Evangelium die Rede war, die Teilnahme aufs Höchste stieg. Man konnte hier wirklich noch von Sünde und Gnade und von der Liebe zu Gott und der letzten Hoffnung christlich reden und hören, wenn auch in anderer Form als wir es gewohnt sind.

Die Kirchen, von denen Dietrich Bonhoeffer schreibt, sind die Kirchen der schwarzen Bevölkerung New Yorks, damals noch „Negerkirchen“ genannt. Die Not, die „Scharen der Arbeitslosen vor unseren Augen, die Millionen Kinder in aller Welt in Jammer, die Hungernden in China, die Unterdrückten in Indien“ erlitten, aber auch der Rassismus in den USA berührten Bonhoeffer zutiefst. Viele werden nicht ahnen, wie sehr die Erfahrung der „Leidenschaftlichkeit und Anschauungskraft“ der Predigten und der „negro spirituals“, die Bonhoeffer 1930 bei seinem Studienaufenthalt in Amerika kennenlernte, ihn in seinem weiteren – tragischen – Gang geprägt haben: „So glad, I’m here in Jesus name.

Zum Volkstrauertag am 19. November 2017 konnten über 120 Mitwirkende und Gottesdienstbesucher die Wucht dieser Musik und der Worte Bonhoeffers mit Geist, Körper und Seele erfahren. Flois Knolle-Hicks und Konrad Knolle haben „schwarze“ und „weiße“, alte und neue Musik – von Schütz und Bach über Moses Hogan und den jüdischen Komponisten Moshe Budmore bis zu André J. Thomas, einem der profiliertesten lebenden amerikanischen Komponisten – mit Texten und Zitaten aus Briefen und Werken Dietrich Bonhoeffers kombiniert. Sie lassen den bewegenden und bewegten Weg Bonhoeffers vom akademischen Theologen, der mit 24 Jahren als Professor den Lehrstuhl bestieg, zum Prediger und Märtyrer – im Wortsinne zum Glaubenszeugen – nacherleben.

Die Kraft des Wortes und die Wucht der Musik wirkten so bewegend – eben „emotional“ –, dass selbst diejenigen, die das Hin- und Herwiegen von Gospelchören in Deutschland als merkwürdig empfinden, seelisch körperlich in Bewegung kamen. Das ist ganz sicher das Verdienst von Flois Knolle-Hicks. Sie schafft es mühelos und authentisch, mit der Musik singende und hörende Gemeinde in Bewegung zu versetzen, zu motivieren.

Mit wenigen Stunden Proben hat Flois Knolle-Hicks fast 60 Sängerinnen und Sänger in die Lage versetzt, nicht nur Noten zu beherrschen, sondern Musik zu vermitteln. Unterstützt wurde sie gekonnt von Susanne Schaak am Flügel, Ulrich Schneider am Kontrabass und Max Schramm am Schlagzeug. Solistisch berührte die Sopranistin Kirsten Techert. Und schließlich führten als Sprecher Konrad Knolle (Bonhoeffer) sowie Eva Dittmann-Hachen, Verena Jörend und Verena Mosend die Gemeinde durch das Leben Bonhoeffers und vor allem seine Reisen nach Amerika.

Gerade in der Verbindung der Texte von Dietrich Bonhoeffer und der Musik des „schwar­zen Amerika“ wurde klar, warum es „Gospel“-Musik heißt. Gospel – „good spell“ – ist das Evangelium oder mit anderen Worten die frohe Botschaft: „It’s alright …

Diese Botschaft von Gnade und Liebe Gottes, von dem stützenden und fordernden Wort Gottes, von Zuspruch und Anspruch in der Bergpredigt gaben Bonhoeffer Kraft und Mut, als Glaubenszeuge zu leben und zu sterben. Sie ließ Bonhoeffer von seiner letzten Reise nach New York kurz vor Kriegsbeginn 1939 vorzeitig zurückkehren. Er hätte ohne weiteres im sicheren Exil bleiben und als Hochschullehrer in den USA wirken können. Aber er entschied sich anders: „Wer glaubt, flieht nicht.“ Dem Wahnsinn ins Gesicht sehen: „Wie nun ihr Herren, seid ihr stumm

Bonhoeffer wollte in seinem Land bleiben und dort helfen, unsägliches Leid zu vermeiden oder doch zu lindern: „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen!“ – „Hier aus der Tiefe schreie ich zu Dir.

Tätiges Handeln und grenzenloses Vertrauen auf die „guten Mächte“, Diesseits und Jenseits, Leben und Tod waren für Bonhoeffer kein Widerspruch. Vor der Hinrichtung am 9. April 1945 sagte er: „Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens. Ich glaube an die universale christliche Brüderlichkeit über alle nationalen Interessen hinweg und ich glaube, dass uns der Sieg sicher ist." – „Total praise: I will lift mine eyes to the hills.

Und so nahmen die Besucher dieses zutiefst ernsten und höchst fröhlichen Gottesdienstes den Geist von Spirituals und Bachchorälen, Gospel und Taizé-Gesängen mit. Den Geist des Evangeliums, der frohen Botschaft, die für alle, Sänger, Musiker, Sprecher und Hörer, täglich neue Aufforderung ist: „Keep your lamps trimmed and burning

Gläubensbekenntnis Bonhoeffer:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.