Gott – ein Wegweiser und Wegbegleiter

Predigt zum Jahresabschlussgottesdienst Silvester 2017

von Pfarrerin Gundula Zachow

„So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“ (2. Mose 13, 20-22)
Gott hatte Ägypten erst zehnfach plagen müssen; alle männliche Erstgeburt war vernichtet worden, bis Pharao die Israeliten ziehen ließ. Sie waren ausgezogen und hatten bei Sukkot übernachtet. Am Morgen hatten sie die ungesäuerten Mazzen gegessen, die sie eilig vor dem Aufbruch noch gebacken hatten. Das erste Essen nach dem Aufbruch, an diesem ersten Morgen, als sie nicht mehr Sklaven waren.
Wir wissen nicht genau, wo dieses Sukkot lag; irgendwo am Nildelta wahrscheinlich, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist Sukkot nicht als Punkt auf der Landkarte, sondern als erste Station auf dem langen Weg Israels in die Freiheit. 40 Jahre wird es dauern, bis dieses Volk ankommt im eigenen Land. Eine lange Zeit – gemessen an einem Menschenleben. Aber die brauchte es wohl, um die äußeren und die inneren Schranken loszuwerden, die ein Leben in Knechtschaft mit sich brachte, und die Wunden heilen zu lassen. Das wissen wir.
Es kommt mir unglaublich vor, dass die Mauer nun bald schon so lange Geschichte ist wie sie Bestand hatte. In vielen Köpfen existiert sie nach wie vor; und längst bauen wir neue Mauern. Aber wenige hundert Meter von hier können wir uns immer wieder vergewissern. Da stehen die Mauerreste und wir lesen: 13. August 1961 bis 9. November 1989. So lang teilte hier die Mauer Ost und West. Die Menschen diesseits und jenseits des Sees lebten in verschiedenen Welten. Seit 28 Jahren haben die Groß Glienicker wieder Zutritt und freien Blick auf ihren See, ist der Weg nach Berlin nur noch ein Fußweg durch den Park. Für die einen ist das ganz normal, weil sie erst nach der Wende hierher gezogen sind. Für viele Alt Groß Glienicker aber ist die Erinnerung an ihr Leben mit vielen Einschränkungen am Rande der DDR noch sehr lebendig. 1989 wurde auch hier Geschichte geschrieben. Groß Glienicke ist auch ein wichtiger Erinnerungsort, ein Sukkot, auf unserem langen Weg in die Freiheit.
Eine wunderbare Erinnerung vieler Groß Glienicker ist die Begegnung der Nachbarorte Kladow und Groß Glienicke am Heiligen Abend 1989. Kladower und Groß Glienicker gingen erstmals wieder aufeinander zu. Es gab Kaffee und Glühwein, Früchte und Stollen für alle. Eine erste Annäherung, gemeinsames Essen und Trinken am Morgen des Aufbruchs über unsere Mauern hinweg.
„So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.“ Diese Information klingt nicht bedeutungsvoll, aber so begann er: der legendäre Auszug aus Ägypten. Vielfach zitiert, im jüdischen Selbstbewusstsein tief verankert, jedes Jahr als „Fest der ungesäuerten Brote“ gefeiert, ist dieser Aufbruch eine Grunderfahrung des Glaubens für unsere jüdischen Glaubensgeschwister weltweit bis heute. So einfach ging es los mit diesem einen Morgen nach dem Weggang, mit dem Morgen der ungesäuerten Mazzen.
Beinahe wäre es da allerdings schon zu Ende gewesen. Die Energie des Aufbrechens kann schnell verpuffen, wenn das Ziel zu wenig konkret wird und der Weg dorthin zu schwierig scheint. Im Norden schreckten kriegsgeübte Völker. Der direkte Weg nach Palästina war versperrt; einen offenen Kampf wollten Moses‘ Leute nicht riskieren. Dann doch lieber wieder zurück an die Fleischtöpfe Ägyptens, in ein Leben unter der Knute und ohne Rechte, dafür aber lebend und in relativem Frieden. Das wäre ein kurzer Aufbruch gewesen, des Erinnerns nicht wert!
Doch dann hat Gott, der HERR, selbst die Führung übernommen. Er hatte einen Heilsplan für sein Volk. Ihm war an diesen Menschen gelegen. Zu ihnen wollte er eine tiefe wechselseitige Beziehung aufbauen; an ihnen sollte er sich als treuer Begleiter und Hilfe in jeglicher Not erweisen. Dazu war es notwendig, dass sie diesen Aufbruch wagten: äußerlich und innerlich.
Und so führte er sein Volk in die Wüste. Er ging an ihrer Seite und vor ihnen her; wies ihnen den Weg als Feuersäule in der Nacht und beschirmte sie als Wolkensäule in der brennenden Hitze des Wüstentages: „Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“
An eben dieser Bibelstelle taucht der Gottesname zum allerersten Mal auf: in Form des hebräischen Tetragramms, dieser vier Konsonanten, wie sie auch an unserer Kirchendecke zu sehen sind. Bisher war von Gott immer nur allgemein als ein Gott die Rede, Gott unter vielen. Aber nun wird Gott zum persönlichen Gegenüber in Israels Geschichte. Gerade jetzt, im Aufbruch voller Euphorie und Ängste, wird Gott als der erfahren, der persönlich nahe ist und bleibt, als Gott, der mitgeht. Gott erscheint den Glaubenden in seiner Zuwendung. Das ist neu und besonders: diese persönliche Bindung zwischen Israel und seinem Gott.
Wir sind auch hineingenommen in diese persönliche Beziehung, durch unseren Glauben, denn Gott hat auch später immer wieder Zeichen seiner Liebe und Treue gesandt. Für uns ist das entscheidende Zeichen und unsere christliche Grunderfahrung das Kind in der Krippe, Gottes Sohn, der unter uns als Mensch lebte, starb und auferweckt wurde zur Hoffnung, die den Schrecken des Todes nimmt. Wie Paulus es einst den Römern bekannte: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm HERRN.“
Der Gott, der sich in Jesus Christus offenbarte, ist der eine und einzige Gott, der an den Menschen interessiert ist und immer wieder Beziehung aufbaut. Er ist ein und derselbe durch alle Zeiten. Sein Name wird geehrt in unterschiedlichen Frömmigkeitsweisen, durch unterschiedliche Bekenntnisse in der ganzen Welt. Hier steht er auch schon viele Generationen in hebräischen Lettern, so zentral in einer christlichen Kirche. Unsere Vorfahren haben ihn bezeugt, diesen Gott, der mit auf dem Weg ist, wo wir auch aufbrechen – in Sukkot oder Groß Glienicke.
Was am Nildelta begann, hat bis heute Bestand. Gott lässt sich noch immer als der erfahren, der an unserer Seite und uns voraus geht. Darum feiern Juden weltweit Jahr um Jahr das Fest der ungesäuerten Mazzen und erinnern damit an diese Grunderfahrung im Glauben. Das alljährliche Erinnern und Nacherleben des Erinnerten – das ist jüdische Kultur. Aber warum sollen wir uns da nicht etwas abschauen von den jüdischen Glaubensgeschwistern? Auch für uns ist es ja wichtig, dass wir die Erinnerung pflegen, damit wir nicht Gefahr laufen, rückwärts in die Knechtschaft zu gehen, sondern immer wieder Mut zu neuen Wegen haben im festen Vertrauen darauf, dass unser Gott mit uns ist und uns nicht verlässt.
Wir blicken zurück auf 28 Jahre vereinigtes Deutschland und erste Löcher in der Mauer zu unseren Nachbarn, mit denen wir geschichtlich fest verbunden sind. Der Weg in die Freiheit ist weit. Auch wir scheinen noch immer einiges vor uns zu haben, bis wir vielleicht irgendwann wirklich frei und offen miteinander umgehen können. Die Grenzen haben zum Teil Bestand; das alte Groß Glienicke hat nicht wieder zusammen gefunden. Und auch unsere Kirchengemeinden blieben getrennt. Die Zeit der getrennten Welten hat uns doch weit voneinander entfernt. Und nur langsam heilen Wunden.
Heute aber geht ein Jahr zu Ende, das mit seinen großen Jubiläen und vielen gemeinsamen Höhepunkten mehr als sonst Gelegenheit und Anlass bot, neu aufeinander zuzugehen:
•    750 Jahre Groß Glienicke und Kladow haben wir hier und drüben gefeiert, uns eingeladen und gegrüßt. Auf dem See, wo die Grenze verlief, sind wir uns begegnet und haben uns ganz offiziell gegenseitige Unterstützung zugesichert.
•    Der Ev. Kirchentag hielt uns gemeinsam in Atem. Schon in der Planung brachte mir der ökumenische Gottesdienst in Kladow viel Begegnung. Wir haben einander besser kennengelernt und neu wahrgenommen.
Hier im Ort haben wir uns auch mehr wahrgenommen im Erinnern an unsere Geschichte.
•    In der Schul-Projektwoche haben uns so viele Klassen wie nie in der Kirche besucht. Sie haben sich über unsere Dorfgeschichte erzählen lassen und das Glienicker Wappen der von Ribbecks abgemalt.
•    Veranstaltungen wie das Barockkonzert im Sommer brachten Menschen neu zueinander.
•    Und dann haben wir 500 Jahre Reformation gefeiert in unserer Gemeinde, im Kirchenkreis und in ganz Deutschland. Ein solch rundes großes Jubiläum gibt es wirklich selten zu feiern. Wir waren dabei. Prof. Schilling las aus seiner Luther-Biografie, Pfarrer Kusch hat mit uns über Luther diskutiert. Es gab die Gemeindefahrt in die Lutherstadt Wittenberg.
Alles in diesem Jahr … und noch viel mehr.
Heute ist der Tag des Rückschauens und sich Vergewisserns: Wenn wir wahrhaft aufbrechen und unsere Mauern hinter uns lassen, geht Gott gewiss mit uns mit – da, wo wir gemeinsam gehen und auch im Leben jeder und jedes einzelnen von uns.

Bitte um Segen (von Uwe Seidel)

Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst:
Niemand ist da, der mir hilft in meiner Not.
Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst:
Niemand ist da, der mich erfüllt mit seinem Trost.
Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst:
Niemand ist da, der mich hält in seiner Hand.
Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst:
Niemand ist da, der mich leitet und begleitet
auf allen meinen Wegen Tag und Nacht.
Sei gut behütet und beschützt. Amen.