Und plötzlich bist Du Impresario

Ganz persönliche Nachlese zum Dreikönigskonzert 2018

von Michael Stettberger

Bilder: Der junge (rheinische) und der alten (Berliner) Engelbert Humperdinck.
Quelle: Stadtarchiv Siegburg, Bestand Humperdinck

Freitag, 5. Januar 2018 gegen 10:00 Uhr vormittags. Ich sitze unterm Dach meines Reihenhauses am Schreibtisch und arbeite. Telefonate mit Kunden und Kollegen, Textkorrekturen und jede Menge E-Mails. Business as usual. Aber eines ist anders. Zwei Stockwerke weiter unten im Wohnzimmer singt mein Klavier. Klingt ein bisschen nach Kuhlau, ist aber ein junger Beethoven. Mein alter Schulfreund Christian Ubber, angereist zwei Tage vorher aus dem rheinischen Siegburg, nutzt die Gelegenheit, um sich einzuspielen. Um elf Uhr kommen Violine und Cello zur ersten Probe zur Kirche, auch diese angereist aus dem Rheinland: die Cellistin Ji-Eun Noh und die Violinistin Judith Oppel. Ihr Programm für den nächsten Tag: das Dreikönigskonzert in unserer Dorfkirche in Groß Glienicke.

Ein gutes halbes Jahr vorher war alles noch graue Theorie. „Wir könnten doch …“ – so vage fangen auch größere Projekte als dieses an. Bereits im Juli 2016 hatten Christian Ubber und seine Partnerin Ji-Eun Noh – consica in musica et vitae – in unserer Kirche zu einer musikalischen Zeitreise mit Cello und Klavier aufgespielt und waren begeistert gefeiert worden. Da fiel es leicht, das „man könnte" durch ein konkretes Vorhaben zu ersetzen. Unversehens fand ich mich in der Rolle des „Impresario“ wieder und fühlte mich – schon dieses phantasiebeflügelnden Titels wegen – pudelwohl darin. Aber ich brauchte Unterstützung. Und so trug ich das Vorhaben in die „Arbeitsgemeinschaft Helfende Gemeinde“, die sich das Projekt sehr gern zu eigen machte. Unserer Planung war schnell abgestimmt: Wir wollten eine Veranstaltung, in der Musik und Text sich abwechselten. Es sollte ein lokaler Bezug hergestellt werden, in dem sich Besucher aus Groß Glienicke und Kladow wiederfinden konnten. Und wir wollten wie immer bei Veranstaltungen in unserer Kirche keinen Eintritt verlangen, sondern eine Kollekte für einen guten Zweck sammeln – ein „Benefiz-Konzert“ sozusagen. Somit hatten wir zwei Aufgaben, eine kreative: das Programm zu gestalten; und eine wirtschaftliche: Sponsoren für die Honorare zu finden. Denn – bei aller Verbundenheit der Musiker mit Groß Glienicke: wenigstens die Reisekosten samt Kost und Logie mussten wir schon decken. Und die Kollekte sollte vollständig der Wiederinstandsetzung unserer Kirchenorgel zu Gute kommen, die im Zuge der Sanierung der Empore stark gelitten hatte.

Bei der Gestaltung des Programms traf es sich gut, dass die drei Musiker gerade mit ihrem Programm „R(h)ein Kammermusikalisch“ zwischen Bonn und Kleve unterwegs waren, und dass zwei der fünf Komponisten dieses Programms – Max Bruch und Engelbert Humperdinck – nicht nur am Rhein, sondern später dauerhaft an der Havel gewirkt hatten. Also mussten für den literarischen Teil Autoren gefunden werden, die Rhein und Havel verbinden konnten. Die Auswahl – getroffen und vorgetragen von Olivia Zorn, im Hauptberuf stellvertretende Direktorin des Ägyptischen Museums in Berlin, außerdem Saxophonistin im Bläserchor unserer Kirchengemeinde und „Aktivistin“ in der Arbeitsgemeinschaft Helfende Gemeindefiel – fiel auf Heinrich Heine, Theodor Fontane und Mascha Kaléko. Letztere mit klarem Heimvorteil rund um den Groß Glienicker See die unangefochtene Favoritin.

Ausgestattet mit diesem Programm und der Zusage der Sponsoren war es ein leichtes, den Gemeindekirchenrat von der Idee eines Dreikönigskonzertes zu begeistern. Der Rest war Kleinarbeit: Fototermin mit drei Instrumenten in der Kirche, unterstützt durch unseren ebenso kreativen wie nimmermüden Herrn Deeg. Gestaltung eines Plakats und einer Einladungs-Karte. Organisation der Verteilung von Plakaten und Einladungen. Verfassen einer Pressemitteilung für den Heveller. Gestalten und Drucken der Programme. Empfang der Violinistin am Bahnhof Spandau und Transfer zur Probe in der Kirche. Als mir am Samstagmittag siedend heiß der Blumenstrauß einfiel, der den Interpreten nach getaner Arbeit und empfangenem Applaus üblicherweise überreicht wird, war ich froh, in Potsdam eine Schokoladenmanufaktur zu wissen, bei der ich anstelle von Blumen die letzten Schoko-Büsten der Königin Luise erstand. Für die lange Zugfahrt vom Havelland an den Rhein, die den drei Musikern am nächsten Tag bevorstehen würde, war das allemal besser als welkende Blumen.

Und dann – endlich. Samstag, 6. Januar 2018, 16:40. Ich öffne die innere Kirchentür und will erst nicht glauben, was ich sehe. Die Kirche ist so voll wie sonst nur an Heilig Abend. Klappstühle werden aufgestellt. Die Wollank-Bank ist besetzt, und selbst unter der Kanzel sitzen Konzertbesucher. Ich quetsche mich auf meinem eben noch ergatterten Sitzplatz an die kalte Außenwand der Kirche, gleich unter dem Epitaph von Hans-Georg III. von Ribbeck, und bin glücklich. Noch einmal quietscht die Kirchentür. Ich drehe mich um und sehe den freudig erstaunten Blick unseres Alt-Pfarrers Bernhard Schmidt: Donnerwetter. Es sind wirklich alle da!

Es folgen eineinhalb Stunden Freude und Genuss, die mich kreuz und quer durch mein Leben führen. Mit Humperdinck in meine Kindheit. Mit Fontane ins Havelland. Mit Beethoven – insbesondere mit dem hier gehörten jungen Beethoven – in meine Jugend als Klavierschüler. Mit Heine und Schumann in meine rheinisch-bergische Heimat. Mit Brahms in die Tiefen meiner Seele. Mit Mascha Kaléko in meine neue, nun auch schon fast 18 Jahre alte havelländische Heimat. Und ich sage Danke, meine Freunde, für Euer musikalisches und literarisches Geschenk. Ich sage Danke allen, die hier nicht genannt sind und doch entscheidendes zu diesem Abend beigetragen haben. Und ich sage Danke allen Besuchern in den harten Kirchenbänken, dass Sie gekommen sind, um diese Freude mit mir zu teilen.