Gedanken zur Monatslosung im Juni

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt!“ (Hebräer 13, 2)

Sommerzeit – Urlaubszeit. Als ich vor 25 Jahren mit Freunden zum Nordkap fuhr, hielten wir in Norwegen an einer kleinen Autofähre über einen Fjord. Ich machte die Tür auf und stieg aus. Dabei fiel mir unbemerkt eine Verpackung runter. Eine Frau kam angestürmt und beschimpfte mich heftig. Sie hätten uns Deutsche im Krieg sechs Jahre im Land gehabt, das reiche. Ich war erschrocken und sauer, schließlich hatte ich nichts getan. Allein das Autokennzeichen reichte, Wut zu kreieren. Es zeigt, wie schwierig es sein kann, als Gast die Befindlichkeiten und wunden Punkte der anderen zu erkennen. Ich erzähle das, weil es zeigt, wie unterschiedlich die Perspektiven sein können.

Nun sind wir nicht nur selber Gast, sondern – gerade im Sommer – kommen immer wieder Fremde zu uns. Sie willkommen zu heißen, fordert uns die Monatslosung auf. Es geht um die Fremdenliebe, griechisch „Philoxenia“. Der Autor des Hebräerbriefes hebt sie besonders hervor, nachdem er zunächst zur Bruderliebe, zur „Philadelphia“, aufgerufen hat.

Die eigene Familie, die eigene Gemeinschaft zu lieben, ist wichtig und einleuchtend und bedarf keiner Begründung. Interessant ist die Begründung für die Fremdenliebe: Im besten Fall bekommt man, ohne es zu merken, Besuch von Engeln, von Boten Gottes.

Solche Engel kamen zu Abraham, als drei Männer vor seinem Zelt standen. Er hat diese Boten Gottes – ohne ihre Identität zu kennen – willkommen geheißen und ihnen ein Festmahl bereitet – einfach so. Zwei Engel sind danach zu Lot gekommen, der als Fremder in Sodom lebte. Als er wegen seiner Gäste von Einheimischen bedroht wurde, haben ihn seine Gäste im Haus in Sicherheit gebracht und zur Flucht verholfen. Abrahams und Lots Gastfreundschaft haben in ganz unterschiedlicher Form Gottes Segen gebracht – Abraham wurde reiche Nachkommenschaft beschert, Lot wurde immerhin aus Sodom gerettet.

Nun sind nicht alle Fremden Engel und wir selbst schon gar nicht. Und natürlich müssen Gäste – Fremde – aufpassen, dass sie den Einheimischen nicht auf die Füße treten. Es geht aber hier nicht um das Verhalten der Fremden. Der Hebräerbrief fordert nicht Feindesliebe wie Jesus in der Bergpredigt. Er fordert nur, Fremden gegenüber offen und gastfreundlich zu sein. Etwas, das sich viele selbst wünschen, wenn sie in der Fremde zu Gast oder gar in Not sind. Und wer weiß, vielleicht bringen fremde Gäste auch uns eine Botschaft Gottes mit, jedenfalls aber neue Perspektiven, die uns helfen, für uns alle eine bessere und friedlichere Welt zu schaffen. Wir können solche Blickwinkel gut gebrauchen.